Basellandschaftliche Zeitung, 10.11.2004
Kandinsky ist nicht tiptop
Blickwinkel / Statt nur mit Wissen kann man auch mit Gespür an Kunst herantreten. Bei einer speziellen Kunstbetrachtung zeigt ein behinderter Künstler einem Kunsthistoriker, wie einfach dies ist.
Riehen. Mondrian hätte sich bei seinen Bildern mehr Mühe geben können, etwas mehr Farbe wäre schön. Kandinsky hat auch geschludert, das ist nicht tiptop meint der leicht geistig behinderte Künstler Markus Buchser (45) und bringt den Kunsthistoriker Daniel Kramer zum Lachen. Die beiden sind auf Einladung von Georg Mattmüller vom Behinderten-Forum und der bz zu einer gemeinsamen Werkbetrachtung im Beyeler Museum aufeinander getroffen. Anlass ist das zurzeit stattfindende Kulturfestival wildwuchs für Solche und Andere Behinderte und Nichtbehinderte. Getreu diesem Motto sollte mit dieser Werkbetrachtung eine solche und andere Herangehensweise an Kunst aufgezeigt werden.
Rousseau hat sehr viel zu tun gehabt
wildwuchs heisst das Festival. Wildwuchs beherrscht das Bild, das als Erstes besprochen wird. Daniel Kramer hat absichtlich Henri Rousseaus le lion ayant faim se jette sur lantilope gewählt und eröffnet das Gespräch, wie ein Kunsthistoriker ein Gespräch eben eröffnet: Das Bild zeigt eine wilde Dschungellandschaft, im Zentrum ein Löwe, der eine Antilope reisst, ein lauernder Leopard, fleischfressende Vögel, im Dickicht ein gut getarntes, eigenartig pelziges Dschungeltier mit Vogelkopf und das Ganze im Museumsraum perfekt inszeniert: links und rechts vom Bild wie Wächter postierte afrikanische Figuren und aus dem Fenster blickt man direkt ins Grüne. Natürlich kennt der Kunsthistoriker einige Eckdaten aus Rousseaus Leben, dessen Bedeutung und Einfluss auf Künstler wie Picasso und Léger.
Buchser geht da anders vor. Die Farben gefallen mir gut, ist für den behinderten Künstler zunächst am Wichtigsten. Die unzähligen Grünvariationen von ganz hell bis beinahe schwarz hinterlassen einen starken Eindruck. Ausserdem, wie präzise der Maler gearbeitet hat; hier gibt es keine Unschärfen wie bei Monet. Rousseau hat sogar die Grashalme einzeln gemalt. Der hat sich Mühe gegeben, freut sich Buchser: Hat viel zu tun gegeben.
Mit Picasso kann er dagegen weniger anfangen: Ja-a, nicht schlecht. Kramer grinst. Kandinsky und Mondrian wie oben angesprochen hätten sich mehr Zeit nehmen können, meint der Künstler. Kramer grinst noch immer und gibt zu bedenken, dass Mondrian immerhin eine ganz neue Form der Malerei begründet hat.
Mark Rothkos bekannte Grossformate gefallen Buchser wiederum sehr gut, vor allem wegen der Farben. Wo manch ein Betrachter nur langweilige Farbflächen sieht, erkennt er die Tiefe und die verschiedenen, vielschichtigen Nuancen. Er hat Recht, weiss der Kunsthistoriker. Rothko hat bis zu dreissig Farbschichten übereinander aufgetragen, um genau diese Tiefe zu erreichen
Perspektiven sind Buchser sehr wichtig
In der aktuellen Sonderausstellung Archiskulptur bleiben wir eine ganze Weile bei den Nachbildungen von Jean Nouvels Monolith stehen. Die verschiedenen Perspektiven interessieren Markus Buchser sehr. Der Kunsthistoriker stellt sofort einen Bezug her: Perspektiven sind schliesslich auch in den Arbeiten seines Gesprächpartners ein Thema. Buchser verarbeitet immer grosse Eindrücke: Motive sind der Messeturm, die lange Thiersteinerallee, der Mount Everest oder der grosse Tresor im Unternehmen Mitte. Und in fast jedem Bild stehen flächige Seitenansichten, Zentral- und Vogelperspektiven nebeneinander. Auf Perspektiven flippt er total, wissen Simone Kurz und Markus Häberlin von der Fehlerpflege, die ihn begleiten. Ausserdem hat Buchser schon jetzt einen neuen Plan: Das Beyeler Museum möchte ich noch malen.
Noch bis zum 28. November wird das Kulturfestival wildwuchs 04 in Basel und Liestal Bühnen, Strassen und unerwartete Winkel aufblühen lassen. Mehr über das spezielle Festival für Behinderte und Nichtbehinderte unter www.wildwuchs.ch.
Von Annina Fischer
in der Basellandschaftliche Zeitung vom 10.11.2004
www.bz-online.ch